Karfreitag und das Kreuz

Karfreitag und das Kreuz

Karfreitag ist ein Feiertag. Aber wenn ich darüber nachdenke, ist mir kaum zum Feiern zu Mute.

Karfreitag ist für mich ein merkwürdiger Tag. Ein Tag, an dem ich mich immer wieder frage, was ich damit anfangen soll. Für mich ist es weder ein Tag für den Haushalt, noch ein Tag für Ausflüge. Ein Tag, an dem Geselligkeit fehl am Platz wirkt, aber auch ein Tag, den ich nicht alleine verbringen möchte.

Was ich bei alldem merke: Karfreitag ist ein Tag, der mich überfordert.

Es ist ein Tag, für den es eigentlich keine Worte gibt. Den ich nicht angemessen feiern kann (in welcher Form auch immer), weil an diesem Tag nichts wirklich angemessen zu sein scheint. Ein Tag, dem ich gedanklich irgendwie aus dem Weg gehen möchte.

Wie gegen einen Räuber seid ihr ausgezogen, mit Schwertern und Knüppeln? Tag für Tag war ich bei euch im Tempel, und ihr habt mich nicht festgenommen; aber das ist eure Stunde, und darin besteht die Macht der Finsternis.
Lukas 22:53-53
Dies aber ist das Gericht: Das Licht ist in die Welt gekommen, und die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht, denn ihre Werke waren böse.
Johannes 3:19

Karfreitag ist der Tag der Wahrheit. Unsere wahren Motive kommen ans Licht, die Tiefen unseres Herzens werden offenbart. Jesus, der Sohn des lebendigen Gottes, wird der Gotteslästerung angeklagt und aufgrund dieser Anklage hingerichtet. Doch in unserer Anklage und unserem Urteil über ihn haben wir uns auch selbst angeklagt und verurteilt: Wir sind des Gottesmordes schuldig. Wir haben uns gegen den Himmel erhoben und ihn bezwungen. Wir haben das Licht des Lebens ausgelöscht und dem Schöpfer des Lebens das Leben genommen. Und darin haben wir uns selbst ausgespielt, unsere eigenen Mauern eingerissen, unsere eigene Stadt verwüstet. Wir haben unser Urteil über uns gesprochen.

Weil etwas tief in unseren Herzen Gott nicht will.

Dieser Wahrheit kann ich mich an keinem Tag weniger entziehen, als an Karfreitag. Die Pharisäer wollten Jesus loswerden, weil sie Angst hatten. Sie hatten Angst vor Gott. Davor, dass Gott ihr falsches Spiel entlarven würde. Dass Gott Recht sprechen könnte. Und darin ihr Unrecht zutage treten würde. Sie hatten Angst, das zu verlieren, was sie sich durch Betrug und Täuschung erworben hatten: Ansehen, Macht, Geld.

In meinem Herzen tobt immer wieder derselbe Kampf. Ich merke, dass mein Wunsch nach Kontrolle einer Angst entspringt: einer Angst vor Gott. Davor, dass er andere Pläne für mich haben könnte, als ich es haben möchte. Dass sein Glück für mich anders aussehen könnte, als ich es mir vorgestellt habe. Dass er von manchen Sachen in meinem Leben nicht begeistert ist. Dass er sich Manches in meinem Leben anders vorgestellt hat.

Wenn ich das in meinem Herzen spüre, merke ich, dass ich nicht viel anders bin, als die Pharisäer: Ich habe Angst vor Gott und will ihn loswerden. Ich möchte mir einen eigenen Gott basteln, der mich nicht korrigiert, der mich nicht infrage stellt. Der mich auch nicht liebt, weil Liebe auch Leidenschaft beinhaltet. Und Leidenschaft ein Feuer ist, das verzehren kann.

Ist nicht gerade das die Ironie? Wir haben Angst vor dem, der uns von der Angst frei machen will. Wir lehnen den ab, der uns mit unserer Ablehnung annimmt. Wir haben Angst vor seinem Gericht, als er kommt, um uns seine Gnade zu verkünden. Wir haben nichts zu fürchten, doch es ist gerade unsere Furcht, die uns den Weg zu ihm versperrt.

Und doch gibt es eine noch tiefere Wahrheit: Mehr als alles andere offenbart Karfreitag das Herz Gottes. Karfreitag ist nicht so sehr ein Ereignis, sondern noch viel mehr eine Enthüllung:

Das Kreuz ist das Zentrum des Universums.

Jesu Opfer am Kreuz ist ein Augenblick auf dem Zeitstrahl der Weltgeschichte. Aber zugleich ist es etwas, das Raum und Zeit übersteigt und durchbricht: Das Kreuz ist ein Augenblick der Ewigkeit, der in die Menschheitsgeschichte hereinbricht.

Das Kreuz war keine Notlösung Gottes für einen dummen Fehler von uns Menschen. Das Kreuz war keine bittere Notwendigkeit, um der Menschheit aus der Patsche zu helfen. Das Kreuz ist das tiefste Wesen Gottes. Es offenbart uns ein Geheimnis, das bis dahin nur in versteckten Andeutungen zu erahnen war: Dass der dreieinige Gott, der ewige Schöpfer, der ewige Sohn und der ewige Geist, demütig ist. Dass nicht nur Macht, Majestät und Herrlichkeit zu seinem Wesen gehören, sondern ebenso Selbstlosigkeit, Hingabe und Aufopferung.

Und sie verkündeten mit lauter Stimme: Würdig ist das Lamm, das geschlachtet ist.
Offenbarung 5:12

Obwohl die Kreuzigung ein Zeitpunkt der Weltgeschichte ist, ist die Wirklichkeit des Kreuzes selbst zeitlos. Das Kreuz ist ewig, weil es die ewige und ewig gültige Realität ist: Gott, der in Liebe sein Leben hingibt. So war Gott schon, bevor er die Welt geschaffen hat und wird es auch sein, wenn die Welt, die wir kennen, nicht mehr ist. Das Kreuz ist ewig, weil es der Ausdruck der ewigen Liebe Gottes ist. Eine andere Liebe, als die am Kreuz, gibt es nicht.

Deshalb hat Karfreitag nicht an Bedeutung verloren. Mag das Ereignis der Kreuzigung zweitausend Jahre alt sein, so ist gilt die Wirklichkeit des Kreuzes heute. Wenn ich mich darauf einlasse, geschieht Karfreitag für mich heute. Stirbt Jesus heute für meine Sünde, befreit er mich heute von der Macht des Todes. Dann darf ich heute klein und überfordert an sein Kreuz treten und die Liebe erkennen, die sich dort offenbart. Dann werde ich heute mit Gott versöhnt.

Und dann darf ich auch heute das Geheimnis der Osterhoffnung erleben: Dass der Gekreuzigte auch der Auferstandene ist. Dass sein Tod am Kreuz die Macht des Todes für immer durchbricht und das Grab Jesu leer ist: Weil das Licht stärker ist, als die Finsternis. Weil Liebe stärker ist, als der Hass. Weil das Leben den Tod besiegt.